Nachrichten | Für die meisten IVF-Zusatzbehandlungen fehlen Belege für einen Fruchtbarkeitsvorteil – Lancet-Studie mahnt zu vorsichtiger Anwendung



News | Die meisten IVF-Zusatzbehandlungen bieten keinen belegten Nutzen für die Fruchtbarkeit; Lancet-Studie ruft zu vorsichtiger Anwendung auf


Bei der assistierten Reproduktion stoßen immer mehr Patientinnen und Patienten auf sogenannte IVF-"Add-ons". Dabei handelt es sich um zusätzliche Verfahren, Medikamente oder Labortechniken, die meist als Maßnahmen zur Verbesserung der Embryonenimplantations-, Schwangerschafts- oder Lebendgeburtenrate beworben werden. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse, veröffentlicht in The Lancet Obstetrics, Gynaecology, & Women's Health , zeigt jedoch, dass für die meisten gängigen IVF-Zusatzbehandlungen keine ausreichenden Belege für bessere Fruchtbarkeitsergebnisse bei Patientinnen und Patienten vorliegen.


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Die von Forschenden der University of Melbourne in Australien und anderen Einrichtungen durchgeführte Studie hatte zum Ziel, die Wirksamkeit und Sicherheit gängiger IVF-Zusatzbehandlungen umfassend zu bewerten. Das Forschungsteam stellte fest, dass die IVF-Behandlung selbst bereits eine erhebliche finanzielle, körperliche und emotionale Belastung für Patientinnen und Patienten darstellt und die weitverbreitete Anwendung von Zusatzbehandlungen die Komplexität der Behandlung weiter erhöht. Besonders in vielen Ländern wird die Kinderwunschmedizin überwiegend von privaten Kliniken mit hohem Kommerzialisierungsgrad angeboten; einige Zusatzbehandlungen sind teuer, ihr tatsächlicher Nutzen ist jedoch nicht ausreichend bestätigt.


IVF, also In-vitro-Fertilisation, ist für viele Patientinnen und Patienten mit Unfruchtbarkeit eine wichtige Behandlung. Doch selbst bei IVF liegt die Wahrscheinlichkeit, pro Behandlungszyklus erfolgreich ein Kind zu bekommen, typischerweise bei etwa 30% bis 40%, und sie nimmt mit zunehmendem Alter der Frau deutlich ab. Vor dem Hintergrund hoher Erwartungen, großer Belastung und begrenzter Erfolgsraten hoffen viele Patientinnen und Patienten, ihre "Chancen zu erhöhen", indem sie zusätzliche Verfahren in Anspruch nehmen. Im vergangenen Jahrzehnt hat die Zahl der IVF-Zusatzbehandlungen rasch zugenommen, darunter pharmakologische Maßnahmen, Embryonentests, Behandlungen der Gebärmutterschleimhaut, Techniken zur Spermienselektion und immunbezogene Therapien.


Die Forschenden wiesen darauf hin, dass IVF-Zusatzbehandlungen in der klinischen Praxis sehr häufig eingesetzt werden. Mehr als 70% der IVF-Patientinnen und -Patienten in Australien, Neuseeland und dem Vereinigten Königreich geben an, während ihrer Behandlung mindestens eine Zusatzbehandlung genutzt zu haben. Das Problem besteht jedoch darin, dass Patientinnen und Patienten bei der Wahl dieser Verfahren häufig mit einer Informationsasymmetrie konfrontiert sind: Klinikwebsites, soziale Medien und Patientenforen betonen möglicherweise den potenziellen Nutzen, während sie die Qualität der Evidenz, die Kosten und die Risiken herunterspielen.


Die Studie identifizierte zunächst 157 potenziell geeignete randomisierte kontrollierte Studien. Da es im Bereich der Reproduktionsmedizin bei einigen Studien Probleme mit der Glaubwürdigkeit gibt, prüfte das Forschungsteam die Studienqualität mithilfe eines Instruments zur Bewertung der Vertrauenswürdigkeit und schloss letztlich 72 Studien wegen Bedenken hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit aus. Anschließend fassten die Forschenden die verbleibenden 85 als glaubwürdig eingestuften randomisierten kontrollierten Studien zusammen und analysierten sie. Im Mittelpunkt stand die Bewertung von 10 IVF-Zusatzbehandlungen mit hoher Nachfrage seitens der Patientinnen und Patienten und breiter klinischer Anwendung.


Die Analyse zeigte, dass von den 10 Kategorien gängiger Zusatzbehandlungen 7 keinen eindeutigen Nutzen für die Fruchtbarkeit zeigten oder die Ergebnisse aufgrund begrenzter Daten oder unzureichender Qualität unklar waren. Zu diesen Zusatzbehandlungen gehören Akupunktur, Kortikosteroide, Tests zur Endometriumrezeptivität, Intralipid-Infusionen, die Injektion plättchenreichen Plasmas in die Eierstöcke, die intrauterine Infusion plättchenreichen Plasmas sowie die genetische Präimplantationsdiagnostik auf Aneuploidien.


Bei Tests zur Endometriumrezeptivität werden typischerweise Proben der Gebärmutterschleimhaut entnommen, um Muster der Genexpression zu untersuchen und das sogenannte "optimale Zeitfenster" für den Embryotransfer zu bestimmen. Die genetische Präimplantationsdiagnostik auf Aneuploidien wird eingesetzt, um zu prüfen, ob Embryonen eine normale Chromosomenzahl aufweisen. Obwohl diese Verfahren in der Werbung häufig mit hohen Erwartungen dargestellt werden, kam die Übersichtsarbeit zu dem Schluss, dass die derzeit vorliegenden glaubwürdigen Belege nicht ausreichen, um ihren routinemäßigen Einsatz als Zusatzbehandlungen zur Verbesserung der IVF-Ergebnisse zu unterstützen.


Die Studie stellte außerdem fest, dass für 3 Kategorien von Zusatzbehandlungen schwächere Belege für einen potenziellen Nutzen vorlagen: EmbryoGlue, Endometrium-Scratching und physiologische intrazytoplasmatische Spermieninjektion. EmbryoGlue ist ein Kulturmedium für den Embryotransfer, das Hyaluronsäure enthält – eine natürlicherweise im Genitaltrakt vorkommende Substanz, von der angenommen wird, dass sie möglicherweise mit der Embryonenimplantation zusammenhängt. Die Studie zeigte, dass dadurch möglicherweise die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft und einer Lebendgeburt steigt, der Effekt auf die Lebendgeburtenrate jedoch nicht robust war.


Beim Endometrium-Scratching handelt es sich um einen kleinen Eingriff, bei dem die Gebärmutterschleimhaut geringfügig verletzt oder stimuliert wird; die Studie ergab, dass dadurch möglicherweise die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft und einer Lebendgeburt steigt. Die Evidenz wurde jedoch weiterhin als schwach eingestuft und reicht daher noch nicht aus, um eine routinemäßige Empfehlung für alle Patientinnen und Patienten zu rechtfertigen. PICSI ist eine Technik zur Spermienselektion, bei der anhand ihrer Fähigkeit, an Hyaluronsäure zu binden, möglicherweise reifere und befruchtungsfähigere Spermien ausgewählt werden. Diese Übersichtsarbeit zeigte, dass PICSI möglicherweise das Fehlgeburtsrisiko senkt, auch dies beruht jedoch nur auf schwacher Evidenz.


Die Studienautorin Dr. Sarah Lensen von der University of Melbourne erklärte, dass die Kinderwunschmedizin in vielen Ländern stark kommerzialisiert sei und einige Zusatzbehandlungen sehr teuer seien. Sie wies darauf hin, dass diese Übersichtsarbeit für die meisten untersuchten IVF-Zusatzbehandlungen keine Belege für einen tatsächlichen Nutzen für Patientinnen und Patienten gefunden habe. Nicht ausreichend belegte Verfahren können Patientinnen und Patienten falsche Hoffnungen machen, sie finanziell zusätzlich belasten und unnötigen medizinischen Eingriffen aussetzen – und das in einer Phase, in der sie sich ohnehin in einer schwierigen Behandlungssituation befinden und besonders klare, ehrliche und evidenzbasierte Informationen benötigen.


Diese Studie unterstreicht außerdem die Bedeutung der Forschungsqualität in der Reproduktionsmedizin. Das Forschungsteam betonte, dass IVF-Zusatzbehandlungen auf glaubwürdigen, sorgfältig durchgeführten und reproduzierbaren klinischen Studien beruhen sollten, statt sich auf Ergebnisse kleiner Stichproben, schlecht konzipierter Studien oder Studien mit fraglicher Glaubwürdigkeit zu stützen. Dass nahezu die Hälfte der potenziell geeigneten Studien ausgeschlossen wurde, zeigt, dass in diesem Bereich dringend größere, qualitativ hochwertigere und transparentere randomisierte kontrollierte Studien erforderlich sind.


Unterdessen veröffentlichten die Forschenden eine weitere damit verbundene randomisierte kontrollierte Studie. Darin wurde untersucht, ob eine nichtkommerzielle, evidenzbasierte Website mit Informationen zur IVF Patientinnen und Patienten helfen kann, Zusatzbehandlungen zu verstehen. Die Ergebnisse zeigten, dass die Website im Vergleich zu allgemeinen Online-Informationen das Verständnis der Patientinnen und Patienten für den Nutzen, die Risiken und die Evidenzqualität von IVF-Zusatzbehandlungen verbesserte und zudem die Zufriedenheit mit den Informationen erhöhte.


Diese Erkenntnis ist von praktischer Bedeutung. Untersuchungen zeigen, dass 92% der IVF-Patientinnen und -Patienten in Australien sich stark auf die Websites von Kliniken verlassen und mehr als 60% der Patientinnen und Patienten soziale Medien wie Facebook und Reddit nutzen, um ihre Behandlungsentscheidungen zu unterstützen. Die Forschenden sind der Ansicht, dass es Patientinnen und Patienten schwerfällt, wirklich informierte Entscheidungen zu treffen, wenn Klinikwebsites und Patientenforen die Vorteile von Zusatzbehandlungen überbetonen und Kosten und Risiken außer Acht lassen.


Dr. David Barad vom Center for Human Reproduction in New York merkte in einem begleitenden Kommentar an, dass diese Studien zeigen, wie evidenzbasierte Reproduktionsmedizin aussehen sollte: Behandlungsaussagen sollten anhand glaubwürdiger klinischer Studien geprüft werden, Unsicherheiten sollten klar vermittelt und nicht hinter optimistischer Sprache verborgen werden, und Patienteninformationen sollten als Teil der klinischen Intervention und nicht als Marketinginstrument betrachtet werden.


Für Patientinnen und Patienten, die eine IVF-Behandlung erwägen, bedeutet diese Studie weder, dass alle Zusatzbehandlungen völlig nutzlos sind, noch, dass niemand eine solche Behandlung nutzen sollte. Die wichtigste Erinnerung ist, dass Zusatzbehandlungen nicht automatisch als „hilfreich“ angesehen werden sollten, nur weil sie „verfügbar“ sind. Vor der Entscheidung für eine Zusatzbehandlung sollten Patientinnen und Patienten verstehen, ob das Verfahren durch hochwertige Evidenz gestützt wird, ob es die Lebendgeburtenrate tatsächlich verbessert, für welche Personengruppen es geeignet ist, welche potenziellen Risiken und Kosten bestehen und ob der Verzicht auf das Verfahren die Qualität der Standardbehandlung beeinträchtigen würde.


Auch Ärztinnen, Ärzte und Kinderwunschzentren sollten Zusatzbehandlungen vorsichtiger anbieten. Bei Verfahren mit unzureichender Evidenz oder unklarem Nutzen sollten Unsicherheiten vollständig erläutert und vage Formulierungen vermieden werden, die die Erwartungen der Patientinnen und Patienten verstärken. Gerade wenn Patientinnen und Patienten emotional und finanziell belastet sind, sollten Gesundheitseinrichtungen sicherstellen, dass Empfehlungen auf Evidenz und nicht auf kommerziellem Gewinn oder Marktwettbewerb beruhen.


Insgesamt hat diese Studie bei der Anwendung von IVF-Zusatzbehandlungen den „Evidenzprüfungs-Knopf“ gedrückt. In der assistierten Reproduktion kommt es nicht darauf an, dass mehr Verfahren besser sind, sondern darauf, dass jede zusätzliche Intervention einer Prüfung durch hochwertige Forschung standhält. Eine wissenschaftliche, transparente und individuell abgestimmte Beratung kann Patientinnen und Patienten dabei eher helfen, geeignete Behandlungsentscheidungen zu treffen, als Zusatzbehandlungen blind aneinanderzureihen.


Quelle der Geschichte:

Aus dem Internet zusammengetragen

作者 LinkedIVF Team發布於 2026-07-01
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